Och wat wor dat fröher schön doch en Colonia…

Bevor ich überhaupt anfange, zu schreiben sollte ich vielleicht erwähnen das dieser Text absolut keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Es sind eher Schlaglichter, die mir aufgefallen sind. Es gab auch keine tief gehende Recherche und vor allem ist alles nur meine subjektive Meinung. Die Idee zu dem Text kam mir beim Hören des Songs „Kölle Alarm“ von Peter Kreutz. Denn mir fielen erschrecken viele Parallelen zum „heutigen“ Köln auf.

Mensch, jank ens durch die Stadt
un loor dich do ens richtig öm
Du siehs nur noch bestusste,
Mensch dat fing ich wirklich unwahrscheinlich schlemm
„Ey hast mal ne Mark ey?“

Aus „Kölle Alarm“ von Peter Kreutz

Dat es Kölle

Ja, ich rede von Köln. Ja es geht um meine Heimatstadt. Ja, ich meine die Stadt die ich liebe. Und trotzdem passen die Worte aus dem Zitat „Wie Faust auf Auge“. Geschrieben wurde dieser Text von dem Kölner Musiker Peter Kreutz im Jahr 1982. Der einzige Unterschied der mir, ohne zu überlegen einfällt, ist das die Frage heute lautet „Ey, hast mal nen Euro?“

Als der Song geschrieben wurde gab es zwar auch schon Problemviertel in Köln. Chorweiler und den „Kölnberg“. Letzterer wurde dann irgendwann umbenannt in „An der Fuhr“, was am Problem nicht wirklich etwas änderte. Heutzutage, habe ich manchmal das Gefühl, ist halb Köln zum Problemviertel geworden. Der Kölner Express hatte gleich eine Serie von Artikeln zu dem Thema, Chorweiler, Finkenberg, Kölnberg, Ostheim, Mülheim.

Natürlich darf man nicht verallgemeinern. Mühlheim, wie auch der Express schrieb ist ein Viertel mit zwei Gesichtern. Und das schönere davon ist (mal sehen, wer jetzt alles danebengelegen hat) die Keupstraße, die einst berüchtigte Keupstraße, von manchen auch Klein-Istanbul genannt. Natürlich kann man sich da wie auf einem türkischen Bazar vorkommen. Natürlich ist man da als Deutscher in der Minderheit, aber ich weiß aus Erfahrung, dass die meisten Türken, die dort leben, kölscher sind als manch einer der im Dunstkreis des Doms geboren wurde.

Kriminalstatistik

Am Kölnberg, oder in Chorweiler und Finkenberg spielt die Nationalität ebenso wenig eine Rolle wie in Ostheim, welches Carolin Kebekus mal als die Bronx von Köln betitelt hat. Gewalt, Drogen, Einbrüche sind nicht nur in diesen Stadtteilen an der Tagesordnung. Zahlen gefällig?

Die Kriminalstatistik der Polizei Köln informiert darüber das es im Jahr 2018 in Köln insgesamt 137.313 Straftaten gab, mit einer Aufklärungsquote von 48,79 %. Was alleine jetzt nicht wirklich etwas aussagt. Immerhin ist die Anzahl der Straftaten, im Gegensatz zu 2017 leicht zurückgegangen. Aber schlüsseln wir das ganze doch mal ein wenig auf.

Straftat Anzahl Aufklärungsquote
Straftaten gegen das Leben 32 93,75%
Sexualdelikte 1.435 67,80%
Rohheitsdelikte(*) 18.999 79,23%
Diebstähle 61.872 21,36%
Vermögens und Fälschungsdelikte 20.762 71,66%
Sonstige Straftatbestände (StGB) 21.222 52,08%
Stafrechtliche Nebengesetze 12.991 90,74%
Gewaltkriminalität 5.571 67,89%
Straßenkriminalität 39.475 14,96%

(*) Körperverletzungsdelikt, Raubdelikt (zum Beispiel: Handtaschen-Raub), Freiheitsdelikt (auch: die Beraubung der persönlichen Freiheit)

Mit diesen Zahlen liegt Köln für das Jahr 2018 auf Platz 7 der gefährlichsten Städte Deutschlands. Hinter: Frankfurt, Hannover, Berlin, Dresden, Leipzig und Halle. (Quelle: Allsecur)

Meiner Ansicht nach nicht gerade ein Ruhmesblatt für das fröhliche, freundliche, weltoffene und multikulturelle Köln. Oder sehe ich da was falsch?

Skinhead und Punker

Aber lassen wir doch noch mal Peter Kreutz zu Wort kommen:


„Die janz normale Lücksche sterven us,
dat es nit mie normal
Do siehs doch nur Skinheads oder Punker
der Ress es dritte Wahl.“

Aus „Kölle Alarm“ von Peter Kreutz

Ok, Skinheads und Punker sieht man heute eher seltener. Was fast schon schade ist denn auch wenn man nie verallgemeinern sollte, konnte man damals wenigstens noch erkennen wer, wer war. Der Vollständigkeit halber seien noch Mods, Teds, Popper genannt. Aber damals wie heute gilt, es ist nicht alles Gold, was glänzt… Oder eben: Nicht jeder Skinhead war ein Rechter, was auch heute noch gilt, und nicht jeder Punk ein Linker. Heute ist das Spektrum breiter gefächert, allerdings auch wesentlich gemischter. Letztendlich kann man heute genauso an einen Idioten geraten wie damals.

Sit ihr all beklopp?

Im Refrain geht es dann wie folgt weiter:


„Un ich sach
Hey Hey Lück,
mensch sit er all beklopp
Hey Hey Lück,
mensch sit er all beklopp
Hey Hey Lück,
mensch sit er all beklopp
Dat halden ich nit us, do jonn ich dran kapott
hey hey hey“

Aus „Kölle Alarm“ von Peter Kreutz

Könnte man wirklich manchmal glauben. Autorennen mitten in Köln, unter in Kaufnahme von unbeteiligten Opfern? Muss das sein? Steinwürfe von Brücken auf die Autobahn? Angriffe auf Rettungskräfte? Ja, da frage ich mich auch, so wie Peter Kreutz vor 37 Jahren „Mensch sit er all beklopp“. Aber weiter im Text:

„Fahr doch ens medden en dr Naach en dr U-Bahn
do bess de wirklich jeck
Die halve bahn voll assis
die andere setzen ängstlich en dr` Eck“

Aus „Kölle Alarm“ von Peter Kreutz

Ja, ist auch heute noch so, kann ich aufgrund meines Jobs als Fahrgasterheber im Gebiet des VRS zu 100 % bestätigen. Linie 9, Nachts im Bereich Kalk/Ostheim. Fahrgäste sind überwiegend alkoholisiert, unter Drogeneinfluss und, wie man in Köln sagt „op Krawall gebösch“. Klingt lustiger, als es ist. Denn in der Situation ist der Job nicht wirklich lustig. Mehr davon? Linie 15, samstags morgens in Chorweiler. Da steigen ein paar Typen ein, die Bierflasche/Dose noch, oder schon wieder in der Hand und man ist sich auf den ersten Blick sicher, dass die kein Ticket haben und das man die besser erst gar nicht anspricht. Auf einigen Kölnern U-Bahn Linien fahren (auch das eine Erfahrung aus dem Job) in regelmäßigen Abständen Kripo-Beamte mit, fahren 5-6 Stationen und dann die gleiche Strecke wieder zurück. Wieder und wieder und wieder… Warum wohl?

En Kölle am Nüümaat

„Am Nüümaat jehste fleeje
do kannste nur noch afjefuckte sin
Nur Nutte, Stricher, Dealer, Penner
Do fingk sich alles en“

Aus „Kölle Alarm“ von Peter Kreutz

Ok, die Situation am Neumarkt hat sich seit damals ein wenig beruhigt. Aber als ein Hauptknotenpunkt im ÖPNV wird diese Klientel dort nie ganz verschwinden. Das meiste allerdings hat sich inzwischen zum Ebertplatz verlagert. Wenn man die aktuelle Berichterstattung in den Kölner Boulevard-Medien verfolgt geht es da manchmal zu wie im Chicago der 50er, nur nicht ganz so gesittet. Dealer, die zwar verhaftet werden, aber innerhalb von Stunden wieder vor Ort sind, es geht ja nur um ein bisschen Cannabis. Das besagte Dealer aber Bandenmäßig organisiert sind wissen zwar die Polizisten vor Ort, aber denen sind mehr oder weniger die Hände gebunden sind, weil die Justiz das ganze scheinbar nicht wirklich ernst nimmt. Dazu kommen dann noch so lustige Sätze wie „Gäbe es die Kunden nicht, würden die Dealer auch nichts verkaufen.“ (Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob). Ähm… Also jetzt bin sogar ich sprachlos. Daraus könnte man auch deuten: Wenn es keinen öffentlichen Personen-Nahverkehr gäbe, hätten wir auch keine Schwarzfahrer. Bestechende Logik.
Könnte es nicht einfach sein das nicht alle „beklopp“ sind, sondern nur der eine oder andere Entscheidungsträger?

Mir stonn zo dir FC Kölle

Bei der nächsten Strophe des Songs kommen wir dann zu Deutschlands und auch Kölns liebster Sportart: Fußball!

„E Fußballspell zo loore es jefährlicher als Russisches Roulett
Die Fans sin hück bewaffnet
met Fläsche, Knüppel oder nem Stilett
Un fällt e Tor für Bayern
dann jeiht et en dr Südkurv richtig los
Wenn dobei einer dropp jeiht
dann fing mer dat als echte Fan famos.“

Aus „Kölle Alarm“ von Peter Kreutz

Tja, da muss ich dann doch ein wenig differenziert herangehen. Es gab in den 80ern jede Menge Gewalt in Deutschlands Stadien, auch in Köln. Die FC-Fans galten nicht unbedingt als Anhänger der Friedensbewegung. Flaschen, Knüppel oder Stilette kamen aber meines Wissens nach nicht zum Einsatz. Was nichts daran ändert, dass es Zeiten gab, in denen man in Köln nicht unbedingt sicher war, wenn man die Farben des jeweiligen Gegners trug. Was mir in dieser Hinsicht aber wesentlich mehr Gedanken macht ist, wie sich die Gewalt im Stadion im Laufe der Jahre entwickelt hat. In den 80ern war es eigentlich so, dass die Hooligans des FC sich mit den Hooligans des Gegners prügelten. Als normaler Fan bekam man eher Probleme mit irgendwelchen besoffenen, die einen schlechten Tag hatten. Allerdings änderte sich das als, statt Hooligans, auf einmal immer mehr Ultras auftauchten.

Wer ist wer?

Mir ist schon bewusst, dass es da Schnittmengen gibt und die Übergänge fließend sind. Das Problem ist, das mit den Ultras auch immer mehr Pyrotechnik in den Stadien auftauchten. Pyrotechnik fällt in Deutschland in die Kategorie Sprengstoffe, was schon einiges über ihre Gefährlichkeit aussagt. Es ist nicht so, dass ich etwas dagegen hätte. Wenn man das Ganze geplant und unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen abbrennt, kann es schon zur Atmosphäre im Stadion beitragen. Wenn man das Ganze aber, was leider immer öfter vorkommt, in vollbesetzte Zuschauerränge wirft und dabei ganz bewusst in Kauf nimmt, dass es zu schweren Verletzungen kommen kann, immerhin brennen die oft benutzten Seenotrettungsfackeln mit bis zu 2000 Grad/Celsius ab, dann ist ein Punkt erreicht, den eigentlich niemand gut finden kann. Dazu kommen Gewalt-Exzesse, wie das Ausbremsen und mit Steinen bewerfen eines Busses aus Mönchengladbach, in dem sich Frauen, Kinder und alte Leute befanden, ganz normale Fußball-Fans also, die nur eins wollten: Ein Fußballspiel sehen. Wenn ich an der Stelle mal einen Kölner Old-School-Hooligan zitieren darf: „Wir haben früher auch Busse mit Steinen beworfen, aber in dem Bus saßen dann 500 Jahre Knast. Die Ultras brauchen alle ein paar ans Ohr.“

Mir fiere Fastelovend

Kommen wir zu einer heiligen Kuh des Kölschen. Dr Fastelovend. Peter Kreutz schreibt hierzu, und immer dran denken, der Text stammt von 1982:

„Karneval en Kölle
och watt wor dat fröher schön doch en Colonia
Die Minsche däte fiere
op dr Stross do hes et „Jeck los Jeck elans“
Doch Ruusemondach, pass bloß op
do schlonn se dir om Aldermaat dr Schädel en
Als echte Kölsche Jung versteht mer Spass
dreimol „Kölle Alarm“.“

Aus „Kölle Alarm“ von Peter Kreutz

Für meinen Teil muss ich sagen das ich 1982 Karneval weniger am Aldermaat gefeiert habe, sondern mehr in Bickendorf oder Ehrenfeld in der Veedelskneipe. Natürlich gab es auch damals schon Gewalt im Karneval. Hätte allerdings Peter Kreutz auch nur geahnt wie sich das Ganze in den nächsten 37 entwickelt, wäre er wahrscheinlich damals schon in die Pfalz emigriert. Wohl jeder dürfte sich im Kölner Karneval inzwischen an Einsatz-Hundertschaften, Glasverbote, Wildpinkler und Randale gewöhnt haben…

Nein, falsch formuliert, denn gewöhnen kann man sich daran nicht, sollte man auch nicht. Denn ob im Fußball-Stadion oder im Karneval, ob auf den Straßen Kölns oder irgendeiner anderen Stadt Deutschlands, es liegt an jedem selber, wie er damit umgeht. Aber genauso wenig wie alles nur Weiß ist, ist auch nicht alles Schwarz. Letztendlich sind wir es selber, die auch einmal Zivil-Courage zeigen müssen, frei nach dem Kölner Motto: Arsch huh – Zäng ussenander. Zumindest meiner subjektiven Meinung nach.

In diesem Sinne…
Dieter

Da kommt noch was…

PS: Wenn wirklich irgendjemand bis hier hin gelesen hat: Respekt 😉 Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal bei Peter Kreutz, der mir gestattet hat seinen Text „Kölle Alarm“ aus dem Jahr 1982 hier zu verwenden. Interessant ist noch was er mir als Info zu dem Text geschrieben hat. Am besten lasse ich ihn hier selber noch einmal zu Wort kommen:

„Der Song hat es damals leider nicht in die Cologne -Charts geschafft, aber dafür der Song „Lommerzheim“, und der wurde dann noch 18 Monate lang als „Opener“ für die Cologne- Charts immer sonntags gegen 18.45 Uhr gesendet. Was sagt uns das? Lieder über Kneipen kommen in Köln besser an als Stadtkritische Songs. (Dat darf mer nit)“

Peter Kreutz

PPS: Damit hier keiner was falsch versteht. Ich bin Kölner von Geburt und aus Überzeugung. Ich liebe den Dom, den Karneval und den FC. Oder wie Brings gesungen haben: „Ich ben doch nur ne Kölsche Jung“. Und daran ändert auch all das, was ich geschrieben habe nichts. Aber es muss auch erlaubt sein auf die negativen Seiten dieser Liebe hinzuweisen. Und wenn ich schon dabei bin Kölner Musiker zu zitieren dann auch noch Wolfgang Niedecken, der in „Stadt im Niemandsland“ schreibt/, singt: „… Wenn ich ahn ming Heimat denke, rebelliert jet bei mir’m Maare“. Bei mir manchmal auch….